28. Juli 2017

Valerian and the City of a Thousand Planets

Time flies when you’re having fun.

Als John F. Kennedy am 12. September 1962 seine berühmte Rede an der Rice University in Houston hielt, kündigte er sein Weltraumprogramm an mit den Worten: “the eyes of the world now look into space, to the moon and to the planets beyond, and we have vowed that we shall not see it governed by a hostile flag of conquest, but by a banner of freedom and peace.” Man fühlt sich an Kennedys Rede erinnert in den ersten Minuten der Comic-Adaption Valerian and the City of a Thousand Planets. Unterlegt von David Bowies Space Oddity sehen wir darin, wie sich zuerst verschiedene Nationen auf einer Weltraumstation im Orbit der Erde begrüßen, ehe nach und nach außerirdische Spezies dazu stoßen. Sitting in a tin can, far above the world.

Ungeachtet dieses Einstiegs hat Valerian and the City of a Thousand Planets jedoch weniger mit Weltraum-Politik à la Star Trek zu tun. Luc Besson verfilmte das Sci-Fi-Fantasy-Comic Valérian and Laureline von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin, welches von 1967 bis 2010 publiziert wurde, als ein Weltraum-Abenteuer der Marke Star Wars, Guardians of the Galaxy und Co. Darin spielt Dane DeHaan den überheblichen Major Valerian, der mit seiner Partnerin Laureline (Cara Delevingne) zuerst ein begehrtes Objekt sicherstellen muss, ehe beide als Bodyguard für den Kommandanten jener Weltraumstation zu Beginn – dargestellt von Clive Owen – abgestellt werden. Die treibt inzwischen durchs All, als intergalaktische Raumstation-Metropole.

Es ist eine reich bevölkerte Welt, die Besson hier erschafft respektive aus Valérian and Laureline übernimmt. Angefangen mit dem Planeten Mül und seinem naturverbundenen Volk der Pearls bis hin zu einem Schnabeltier-Trio, das auf der Weltraumstation Informationen gegen Bares tauscht. Zugleich setzt Valerian and the City of a Thousand Planets viel Vorwissen voraus, sei es zu der Comic-Serie oder zumindest zum Genre allgemein. So sind Valerian und Laureline direkt mitten im Flirt-Modus als das Publikum ihnen zuerst begegnet. Er will mit ihr zusammensein, sie gibt sich widerwillig. Immerhin ist Valerian ein Frauenheld und seine Partnerin will nicht zur nächsten bloßen Trophäe in dessen buchstäblicher Galerie von Errungenschaften verkommen.

Eine wirkliche Basis hat die Beziehung keine, genauso wie die von Laureline zu dem erwähnten Schnabeltier-Trio. Die Charaktere kennen sich und haben eine Historie, was sich aber nur ablesen lässt aus ihrer teils verspielten, teils subtil-aggressiven Neckerei. Genauso irritiert, wieso die Völkervereinigung auf der Raumstation “Human Council” heißt, obschon auch all die Spezies darin vertreten sind, die wir in der Space Oddity-Montage zu Beginn sahen. Man muss Besson jedoch zu Gute halten, dass diese Momente des Stutzens den Film und seine Geschichte nie ausbremsen. Auch wenn gerade die Romanze zwischen den Hauptfiguren, die kurz darauf noch einen Verlobungs-Subplot erhält, durchweg den Film hindurch etwas unbeholfen erscheint.

Immer wieder gibt es solche Momente, die nicht vollends zünden wollen. Speziell Dane DeHaan ist ein solcher, gänzlich fehlbesetzt als von sich selbst überzeugter Abenteurer und Schwerenöter. Wobei die Figur generell keine dankbare ist, auch wenn sie fraglos eines Schauspielers bedurfte der Marke „junger Harrison Ford“. Laureline ist da etwas sanftmütiger, aber deswegen nicht minder überheblich, ihre Selbstsicherheit oft ebenso Risiko wie Attribut. Eine starke Frauenfigur ist sie allemal, wie sie so oft bei Besson existiert, von La femme Nikita über The Messenger hin zu Les aventures extraordinaires d’Adèle Blanc-Sec vor einigen Jahren. Cara Delevingne meistert diese Szenen in der Folge oft (genug) mit ihrer eigenen kecken wie frechen Persönlichkeit.

Charakterliche Tiefe sollte man dennoch keine erwarten, die Nebenfiguren werden wegen des komplexen Plots weitaus eindimensionaler gestaltet. Darunter auch Ethan Hawke als Lustmeilen-Zuhälter und Rihanna in einer belanglosen und vorhersehbaren Rolle als Gestaltenwandlerin. Spannendere Figuren wie der von John Goodman gesprochene Alien-Gangster Igon Siruss, der Valerian im ersten Akt eine Vendetta schwört, die sicher als Aufhänger oder roter Faden für das/die erhoffte(n) Sequel(s) dienen soll, verabschieden sich leider viel zu früh. Immerhin ist Igon Siruss Teil des wohl spannendsten Teils dieses in der Summe doch leicht überfrachteten, über zwei Stunden langen Epos’ – in einem Set-Piece, das so einfallsreich wie verspielt ist.

In einer Touristen-Attraktion, als eine Art interdimensionales VR-Erlebnis angelegt, müssen Valerian und Laureline in einem innovativen Heist-Szenario jenes Objekt sichern, das sie letztlich zu ihrer Mission auf die Raumstation führt. Auch wenn die Mechanismen hinter diesem interdimensionellen Katz-und-Maus-Spiel nicht vollends klar sind, macht es doch ungemein Spaß und ist sehr viel mitreißender wie eine Verfolgungsjagd im zweiten Akt, die als Mix aus The Fifth Element und Star Wars – Episode II: Attack of the Clones anmutet. Zwar ist Valerian and the City of a Thousand Planets – schade, dass der Film nicht schlicht Valerian and Laureline heißt – narrativ überladen, aber zugleich jenes visuelle Bombastkino, das Besson einst ausgezeichnete.

Valerian hat durchaus Potential zur vergnüglichen Sci-Fi-Fantasy-Saga – abhängig vom Erfolg an den Kinokassen. Nicht zuletzt, da der Film mit einem Budget um die 200 Millionen Euro alles andere als eine billige Angelegenheit ist. “I think we're going to do it, and I think that we must pay what needs to be paid”, sagte bereits John F. Kennedy in Houston in seiner Rede zum Weltraumprogramm. Weder dieses noch Valerian and the City of a Thousand Planets war ein preiswertes Projekt. Ob sich das von Besson ähnlich bezahlbar machen wird wie das des US-Präsidenten bleibt abzuwarten. In der Herangehensweise sind sie sich aber ähnlich: “not because they are easy, but because they are hard.” Zwei echte Weltraum-Abenteuer eben.

7/10

21. Juli 2017

All This Panic

This is, like, my launch point.
This is, like, where I’m, like, building the rocket.

Als man noch zur Schule ging, konnte man sie nicht früh genug verlassen. Und erst später weiß man die – relativ – sorgenlose Zeit jener Jugendjahre wirklich zu schätzen. Auch Delia und Dusty, zwei junge Mädchen im späten Teenager-Alter, reflektieren in Jenny Gages Dokumentarfilm All This Panic eingangs über ihre zukünftigen Gefühle zur Schulzeit. Nochmal alles erleben, nur manche Dinge anders machen, sinniert Delia. Authentische Einblicke, die wohl die meisten Zuschauer zur Identifikation einladen, liefert Gage mit ihrem Debütfilm. Drei Jahre lang begleitete sie dafür eine Gruppe junger Mädchen in New York, während sie Entscheidungen über ihre (akademische) Zukunft treffen – und was am ersten Schultag getragen werden soll.

“There’s all this panic (…) and freaking out”, amüsiert sich Delia über ihre Mitschülerinnen, die online verschiedene Outfits durch die Gruppe senden. Gage gelingt es auf faszinierende Weise unglaublich nah an die Mädchen zu kommen, selbst wenn wir nicht so viel über sie erfahren, wie wir womöglich denken oder wissen wollen. Im Zentrum stehen statt Delia und Dusty hierbei eher Dustys ältere Schwester Ginger sowie dessen beste Freundin Lena. Beide führen eine turbulente Freundschaft, gefühlt immer am Streiten, wie eine dritte Freundin an einer Stelle bemerkt. Gage hält selbst zwei solche Streitszenen mit der Kamera fest, die sich letztlich um eine Nacht drehen, in der Lena Gingers Eltern anrief, als diese auf einer Party zu viel trank.

Kein allzu großes Problem eigentlich, da die Eltern von Dusty und Ginger unwahrscheinlich liberal sind. Ginger fühlt sich dennoch verraten, während Lena aus Sorge um die Freundin handelte, die sich übergeben musste. “Everyone vomits”, findet Ginger. Es sei schließlich eine Party. “Not everyone vomits”, erklärt da Lena und blickt zugleich passend in die Kamera. Einer von vielen amüsanten Momenten, von denen All This Panic einige beherbergt, genauso wie emotional berührende Szenen. Die Mädchen geben Gage und ihrem Kameramann sowie Ehegatten Tom Betterton teils intime Einblicke in Sexualleben und Ängste und Sorgen – allerdings alles dennoch weitestgehend an der Oberfläche gehalten, ohne dabei zu invasiv zu geraten.

Beispielsweise wenn Lena eine Party schmeißt, um ihrem Schwarm nahe zu kommen, ihren ersten Kuss dann aber doch mit einem anderen Jungen erlebt. “It just was one of those things where you expect something to be amazing and perfect and it’s not”, sagt sie im Nachhinein etwas bedröppelt. Ihre Freundin Olivia wiederum hat selbst Jungsprobleme, bis sie realisiert, dass sie homosexuell ist. Während dem Surfen und im Schneegestöber der Frühlingsferienzeit berichtet sie Gage von ihrer sexuellen Selbstfindung. Und dass sie sich noch nicht gegenüber ihren Eltern outen möchte. “It feels too personal”, sagt die junge Frau, die sich damit aber gleichzeitig Gage und Betterton anvertraut. Und mit ihnen dem anonymen Zuschauer.

Jene zwiespältige Beziehung zu den Eltern zeigt sich auch bei den übrigen Mädchen. So stöhnt die 18-jährige Sage über ihre Haushaltspflichten (“so many chores”) und ihre Sperrstunde um Mitternacht, während ihre Freundin Ivy tun und lassen kann, wie ihr beliebt. Lenas geschiedene Eltern wiederum weisen beide psychische Probleme auf, das Jugendamt wurde bereits vorstellig mit dem Vorwurf, Lena und ihr Bruder würden vernachlässigt. Liberal geben sich Gingers Eltern – aus eigener Erfahrung. Er wurde öfter geschlagen, als gut war, und ihm nicht oft genug gesagt, dass man ihn liebe, erklärt Gingers Vater Kevin ihr. Und klagt zugleich über das Verhältnis zur Tochter, das seit sechs Jahren nur aus Streitgesprächen bestünde.

Als sie noch klein war, seien sie beste Freunde gewesen. “I want some fun time with you”, sagt der Vater zur Tochter, die sich eine Träne aus den Augen wischt. Früher, in jüngeren Jahren, war das Leben mit den Eltern für alle der Mädchen leichter. Als Sages Vater noch lebte, mit dem sie ihre politischen Ideale teilte. Damals, als Lena mit ihren Eltern gemeinsam Avatar schaute, als Olivia noch nicht ihre sexuelle Orientierung finden musste. Für Lenas Geburtstagsfeier lässt ihre Mutter die Mädchen Sekt trinken und darf sich kurz darauf eine Standpauke vom Jugendamt anhören. Dabei würden die Jugendlichen ohnehin Alkohol trinken, wie wir sie dabei in All This Panic neben ihrem mehrmaligen Konsum von Marihuana beobachten.

Die Mädchen sehen sich zwischen der Sorgenlosigkeit der Kindheit und dem steigenden Verantwortungsbewusstsein als junge Erwachsene. “People wanna see you but they don’t want to hear what you have to say”, meint Sage. Sie stammt aus der Mittelklasse, besuchte eine hauptsächlich von Weißen besuchte Privatschule und beginnt, sich mit ihrer eigenen Hautfarbe verstärkt auseinanderzusetzen. Wer bin ich – und wo will ich hin? Das ist eine der zentralen Fragen der Jugendlichen, die auch in All This Panic die Protagonistinnen beschäftigt. Während ihre Freunde wie Lena den Schritt zum College machen, bleibt Ginger zurück und strebt eher eine Karriere als Schauspielerin an. Ist jedoch nicht ganz glücklich mit der Entscheidung.

“People assume you’re stupid if you don’t go”, sagt sie. Auch Dusty weiß von den Eltern aus ihrem Freundeskreis, welche Bedeutung diese einem Hochschulabschluss beimessen: “If you don’t go to college you’re totally fucked.” Statt sich wie und mit Lena also akademisch weiterzubilden, lässt sich Ginger eher mit ihrer ehemaligen Mitschülerin Ivy lose durchs (Nacht-)Leben treiben. “This is, like, my launch point”, artikuliert sich später Ivy. “This is, like, where I’m, like, building the rocket.” Auch Ginger hat sich noch nicht selbst gefunden. “I don’t think I’m fully formed”, räumt sie ein. Sie hat im Gegensatz zu Lena, Olivia und Sage noch nicht den nächsten Schritt gemacht. “Stuck this year”, resümiert Dusty die Gefühlswelt der Schwester.

Was wirklich in Ginger vorgeht, vermag jedoch auch der intime Einblick von Gage und Betterton nicht zu vermitteln. Wie erlebt sie ihren Alltag, treibt sie ihre Schauspielkarriere voran? In einer Szene gesteht Lena, dass sie eine Phase des Cuttings durchlebte, ebenso wie Ginger. Die Hintergründe bleiben im Raum stehen, wie auch Aspekte wie Sages ethnische Identifikation hätten vertieft werden können oder auch die Wünsche und Träume von Ivy. Gefühle von „Frust“ – jedoch positiv konnotiert, da man sich als Zuschauer in dieser Welt der jungen Frauen verliert, genauso wie in ihren Persönlichkeiten. Allesamt unterschiedliche Charakter und doch allesamt unwahrscheinlich sympathisch, offenherzig, ehrlich und aufschlussreich philosophisch.

Dies verdankt sich dem beeindruckenden Zugang von Gage zu den Mädchen und ihrer Umwelt, der diese ungemein authentischen Momente einfangen kann. “Things happen to you and you just say yes to them”, beschreibt Olivia einmal Lena. “I feel that means you’re going to be in some really cool place.” Das, gesteht Lena, sei einer der nettesten Dinge, die ihr je gesagt wurden. Ähnlich wie der Up-Reihe von Michael Apted, jedoch stark verkürzt, sieht das Publikum den Mädchen beim Erwachsenwerden zu. Wie Lena anfangs etwas verschroben mit Kurzhaarfrisur und Zahnspange sich zur langhaarige selbstbewussten Abenteurerin entwickelt. Und auch ihre Freundinnen wie Ginger und Sage einen merkbaren Wandel durchmachen.

Zwar hätte Jenny Gage an manchen Stellen vielleicht nachhaken können oder auch herzliche Nebenfiguren wie Delia mehr betonen, genauso wie Tom Bettertons Kamera mitunter zu sehr buchstäblich den Fokus verliert, wenn die Bilder ins Unscharfe abgleiten. Womöglich findet sich hier eine bildliche Metapher für die noch nicht ganz klaren Persönlichkeiten der Mädchen. All This Panic jedenfalls liefert einen wunderbaren Einblick in das Leben von Jugendlichen in ihrer Selbstfindungsphase zwischen Schule, Sex und Erwachsenwerden. “I’m petrified of getting old”, meint Ginger eingangs noch. “I think that’s the scariest thing in the world.” So wie sie den Film verlässt, hat sie am Ende vielleicht doch etwas dieser Angst verloren.

7/10

14. Juli 2017

Bates Motel – Season One

Did you just “whatever” me?

Es ist eine Eigenart der jüngeren Zeit, aus Ideenmangel (oder simpler Faulheit) den Weg der Prequels zu beschreiten – insbesondere im Fernsehen. So erzählt Better Call Saul die Vorgeschichte einer Nebenfigur aus Breaking Bad, Hannibal von den Ereignissen, die Robert Harris’ Manhunter vorausgingen, Gotham lässt die gesamten Batman-Bösewichter in dessen Kindheit von der Leine und Wet Hot American Summer: First Day of Camp machte sich einen Spaß daraus, mit seinem gealterten Ensemble ein narratives Quasi-Remake des Original-Films zu inszenieren. Da passt Bates Motel gut ins Bild, jene Serie des Senders A&E, die ab dem Jahr 2012 die Hintergründe vor den Geschehnissen aus Alfred Hitchcocks Psycho aufgreift.

Nach dem Tod seines Vaters zieht da eingangs der 17-jährige Norman Bates (Freddie Highmore) mit seiner Mutter Norma (Vera Farmiga) in das beschauliche Küstenstädtchen White Pine Bay. Dort planen sie, ein altes Motel aufzumöbeln und einen Neuanfang zu wagen. Dumm nur, dass der Motel-Vorbesitzer gleich am ersten Abend aus Wut über die Enteignung über Norma herfällt. Kurz darauf ist der Angreifer tot und das Mutter-Sohn-Gespann muss die Leiche entsorgen. Wirklich zur Ruhe will ihr Leben danach aber nicht kommen, da nicht nur in Dylan (Max Thieriot) der entfremdete älteste Sohn Normas auf der Bildfläche erscheint, sondern Orts-Sheriff Romero (Nestor Carbonell) auch dem Bates-Verbrechen auf der Spur ist.

Im Fall von Bates Motel lässt sich wie bei fast jedem Prequel direkt über Sinn und Unsinn seines Daseins streiten. Wie wichtig ist es zu erzählen, wie die Rebellen vor Star Wars an die Pläne des Todessterns kamen? Wie Saul Goodman in Breaking Bad zu Saul Goodman wurde oder eben hier Norman Bates zu dem schizophrenen Mörder, der er war? Nur weil es von Interesse ist, was eine Figur macht, heißt das nicht, dass ausbuchstabiert werden muss, wie sie dazu kam, das zu tun, was sie tut. Carlton Cuse (Lost) und Kerry Ehrin (Friday Night Lights) gaben an, mit Bates Motel quasi David Lynchs Twin Peaks weitererzählen zu wollen. Dahingehend, dass die Geschichte in einer mysteriösen Stadt spielt mit abstrusen Vorkommnissen.

So präsentiert die Serie in ihren Auftaktfolgen gleich zwei Mal eine in Brand gesteckte Person, unter anderem öffentlich im belebten Ortskern, und Dylan verdingt sich wenig später als Handlanger einer lokalen Marihuana-Plantage. Die stellt die offiziell-inoffizielle Haupteinnahmequelle des Örtchens dar, gehört mehreren Familien der Stadt, die in Millionen-Dollar-Häusern leben und europäische Wagen fahren. “The people in this town deal with things in a different way”, verrät der ihr wohlgesonnene Deputy Shelby (Mike Vogel) da Norma in der zweiten Folge Nice Town You Picked, Norma... Ihr Sohn forscht zeitgleich mit seiner an Mukoviszidose erkrankten Mitschülerin Emma (Olivia Cooke) nach einem geheimen Ring von chinesischen Sex-Sklavinnen.

Bates Motel ist direkt vom Fleck weg ein seltsames Gebilde, zwischen verschiedenen Tönen schwankend, ohne sich für einen entscheiden zu können. Kaum in der Stadt wird Norman direkt von allen Frauen-Figuren belagert, neben Emma zählt da auch Bradley (Nicola Peltz), das populärste Mädchen der Schule, dazu – genauso wie Normans Klassenlehrerin. Übertroffen wird dies nur noch davon, dass die Serie hierbei Freddie Highmore stets in Hemden und bunte Sweater steckt, die so altbacken wirken wie es Psycho mit seinem 1960er-Jahrgang ist. Nur, dass die Show in der Gegenwart spielt, inklusive MP3-Player und WhatsApp. Die Frage stellt sich mehrfach: Was ist hier Hommage, was nahe an der Persiflage?

Im Zentrum steht neben den kriminellen Geschehnissen an allen Fronten die ungesunde Beziehung zwischen Norma und Norman. Sie, die geborene Helikopter-Mutter. Er, das anerzogene Muttersöhnchen. Der für die Serie dazu erfundene Halbbruder Dylan dient als lautstarkes Sprachrohr dieses fast schon inzestuösen Verhältnisses. Da passt es ins Bild, dass Norma gegenüber dem jüngsten Sohn kein Blatt vor dem Mund nimmt, wenn es um ihre eigene Vergewaltigung auf dem Küchentisch geht, ihre vorbelastete Kindheit oder Normans eigene sexuellen Erlebnisse. Dies alles zelebriert Bates Motel gerne eine Oktave schriller als nötig, wenn sich speziell zum Ende der ersten Staffel hin Mutter und Sohn in Wutanfällen überbieten.

Gerade in diesen Szenen ist Bates Motel stets übertrieben affektiert – übertrieben zumindest im Verhältnis zu den Handlungssträngen, welche die Show dem Publikum sonst anbietet. Mit Vergewaltigungen, Sexsklaverei, organisiertem Drogenhandel, mehreren Todesfällen und Verbrennungen in gewisser Weise harter Tobak. Das wird dann gewürzt mit “teen angst”, Coming of Age, erdrückender Erziehung und der ersten Liebe. Immer wieder rutscht die Präsentation aber fast ins Kitschige, kontrastiert mit dem ausdruckslosen Spiel Carbonells und dem gutherzigen von Cooke einerseits sowie den oft theatralischen Darbietungen von Farmiga und Highmore. Letztere spielen dies durchaus gewollt, was mitunter zu Misstönen führt.

Bates Motel ist keine gute Serie, eher eine schlechte, jedoch oft auch kurz davor, bewusst so schlecht zu sein, dass es schon wieder gut ist. Viele Dialoge und Szenarien, genauso wie das Spiel von Farmiga im Speziellen gehen oft ins Überpointierte, nur bewegt sich die Serie selbst nicht immer als Ganzes in denselben Sphären. Schön und gut, wenn White Pine Bay ein verschrobener Ort ist, der sich mit Marihuana finanziert und Leute in Brand steckt, aber dann bitte durchweg und nicht nur zum Auftakt. Es irritiert, wenn Norma später Hotel-Flyer in einem lokalen Restaurant ausstellen will, aber die Betreiberin dies aufgrund der Ereignisse auf Normas Grundstück ablehnt. Als wären die so viel anders als das, was sonst im Ort passiert.

Ein Kernproblem der ersten Staffel ist auch, dass sie zu viel zu schnell erzählen will. Aus dem Nichts kommt da buchstäblich die Vergewaltigung in der Pilotfolge, für die nur die minimalste Exposition geliefert wird. Anstatt, dass der Konflikt mit dem Vorbesitzer etwas anschwellt über zwei, drei Episoden, ehe man ihn zur Staffelmitte in Ocean View eskalieren lässt. Ähnlich ließe sich im Fall des Sexsklaverei-Subplots argumentieren, der nach ein paar Folgen scheinbar aufgelöst wird, ehe er doch noch etwas in einem Subplot des Subplots vor sich hindümpelt. Dass Bates Motel in seinen zehn Folgen über gut sechs Stunden gleich drei Antagonisten mit der Bates-Familie konfrontiert, passt hier ebenso ins Bild der überladenen Geschichte.

All dies hat natürlich mit den Ereignissen in Psycho nichts zu tun, sodass die Charaktere aus Hitchcocks Film im Grunde lediglich Aufhänger für eine entlehnte Ausrede sind. Zwar sehen wir bereits früh Norman mit „Mutter“ reden und erhalten Informationen, dass er ein unzuverlässiger Erzähler seiner Erlebnisse ist, genauso wie die Figur durch Emmas Vater ihre Vorliebe zur Tierpräparation erhält, doch ist dies eher Fanservice als eine wirkliche psychologische Analyse der Hauptfigur. Anfangs noch (überraschend) als das Darling der Frauenwelt inszeniert, wird Norman da kurz darauf gegenüber Norma von der Schulaufsicht zum sozialen Außenseiter erklärt, anstatt dass Bates Motel dies seinen Zuschauern mit Bildern und Szenen erzählt.

Ein gewisser Unterhaltungsfaktor kann dennoch nicht abgesprochen werden, die Darsteller – ausgenommen vielleicht Peltz und Thieriot – überzeugen und die affektierten Anfälle von Farmiga und Highmore sind narrativ zwar überkandidelt, aber zugleich amüsant. Wäre die Serie durchweg skurril, wie es Twin Peaks zumeist war, wäre das vertretbar. Oder sie müsste ein aufrichtiges, ernstes Interesse an der Dekonstruktion ihrer zwei Hauptfiguren an den Tag legen – jedoch ohne immer wieder ins Theatralische abzugleiten. Das Potential hätte Bates Motel durchaus, Prequel-Sinnhaftigkeit hin oder her. Etwas mehr atmosphärische Kohärenz bei gleichzeitiger reduzierter Narration hätte der ersten Staffel da deutlich besser zu Gesicht gestanden.

So bleibt nach der ersten Staffel, die in ihrer zweiten Hälfte verstärkt abbaut, zumindest die Hoffnung, dass Bates Motel noch ein gewisses Gleichgewicht seiner Tonalitäten oder alternativ eine klare Richtung findet (auch wenn die Auftaktfolge der zweiten Staffel da weitermacht, wo Cuse und Ehrin im ersten Jahr aufgehört haben). Immerhin darf man gespannt sein, welche spinnerten Ideen die Autoren für Norma und Norman bereithalten, Leichen dürften sicher wieder den Weg der Protagonisten pflastern. Und die Oktaven der Dialoge ins Hysterische abgleiten. Es ist ja in der Tat auch irgendwie zum Schreien, dieser Prequel-Wahn. Oder wie es Anthony Perkins in Hitchcocks Psycho formulierte: “We all go a little mad sometimes. Haven’t you?”

5.5/10

7. Juli 2017

John Wick: Chapter 2

This is the end of the line.

Unverhofft kommt oft – das mag sich auch Keanu Reeves vor drei Jahren gedacht haben, als sein Film John Wick überraschend positiv besprochen und rezipiert wurde. Am Ende sollte der R-Rated Action-Thriller unter dem Aspekt der Kosten-Nutzen-Rechnung gar zu Reeves erfolgreichstem Film seit The Matrix Reloaded (2003) aufsteigen. Mehr als das Vierfacher seiner Kosten spielte John Wick ein, was sich von Reeves Super-Flops der Jahre zuvor wie Henry’s Crime (2011) oder seinem Regie-Debüt Man of Tai Chi (2013) nicht behaupten ließ. Folglich galt es für Reeves und Regisseur Chad Stahelski, den Moment zu nutzen und vom Erfolg zu profitieren – mit dem Sequel John Wick: Chapter 2, das leider den klassischen Fortsetzungsfehler macht.

Der Film beginnt direkt mit einer leicht ausufernden Action-Szene, die das im Vorgänger praktizierte Gun Kata zur Schau stellt. Quasi eine Art Epilog zu John Wick sucht die titelgebende Figur (Keanu Reeves) den Bruder (Peter Stormare) von Viggo auf, in dessen Fabrik das Auto von Wick lagert. Einige Headshots später hat Wick den schwer ramponierten Wagen zurück, erwartet kurz darauf mit Santino D’Antonio (Riccardo Scamarcio) einen alten Bekannten. Santino erinnert Wick an eine Bringschuld, die noch aussteht. Wick lehnt zuerst ab, als Santino sein Haus daraufhin in die Luft sprengt, gibt er dann doch nach. “Rules. Without them we live with the animals”, betont auch Winston (Ian McShane), Leiter des New Yorker Auftragskiller-Hotels.

Die Handlung verlagert sich nach Rom, wo ein vollends ausgerüsteter Wick seinem finalen Auftrag nachgeht. Dieser ruft aber in Cassian (Common) nicht nur den Bodyguard seines Auftragsziels auf den Plan, sondern nach getaner Arbeit setzt Santino in Ares (Ruby Rose) auch seinen eigenen Bodyguard auf Wick an, um lose Enden zu eliminieren. Das übergeordnete Thema von John Wick: Chapter 2 ist somit, wenn so will, das Begleichen offener Rechnungen. Wick steht in der Schuld Santinos (im Film als “marker” bezeichnet), mit seinen Handlungen eröffnet er jedoch neue Rechnungen mit allen Beteiligten, die jeder – stets die Pistole griffbereit im Holster – darauf aus sind, das direkt zu Beginn initiierte Gun-Kata-Festival nicht aussterben zu lassen.

Der große Unterschied zwischen John Wick und John Wick: Chapter 2 findet sich in der Motivation – sowohl der inhärenten als auch die der Produzenten. Der erste Teil erzählte von einem Auftragskiller, der in der Krebserkrankung seiner Frau (Bridget Moynahan) einen Gegner fand, den er nicht per Kopfschuss ausmerzen konnte. Die Hauptfigur vermochte ihren Kummer und Schmerz ob des Todes der Gattin erst dadurch kanalisieren, indem sie Vergeltung für den Mord an dem Hund verübte, den die Frau ihm hinterließ. John Wick: Chapter 2 dagegen schleift die Figur zurück in jene Welt die sie verließ, um von dem Action-Element zu kapitalisieren, das dem Publikum im Vorgänger so gut gefallen hat, dass es nun ein Sequel nach sich rief.

Das Problem ist dabei schon der Einstieg, der an das Original anknüpften will Wick macht viel Aufhebens, um sein Auto zurückzubekommen, welches er in der Folge selbst nahezu komplett verschrottet. Die Action ist hier bereits Selbstzweck, da die Bedeutung des Wagens für Wick marginal ist und er einfach Peter Stormares Figur ob des Autos kontaktieren könnte. Stormare evoziert ohnehin nur wieder jene “Baba Yaga”-Ehrfurcht, die schon Michael Nyqvist an den Tag gelegt hat. Die “Marker”-Storyline mit ihrem Godfather: Part III-Szenario des Zurückholens eines Ausgestiegenen ist an sich in Ordnung, wäre jedoch als Auftakt für die Figur spannender gewesen, anstatt an die noch frische Opferzahl mit weiteren Toten anknüpfen zu wollen.

Andersherum würden die Filme schlüssiger sein. Ein pensionierter Wick sucht das Glück mit seiner Frau, wird aber zurück in seine Rolle als “Baba Yaga” gezerrt, um eine alte Schuld zu begleichen. Dies würde eine gewisse Gegenüberstellung anbieten zwischen dem Mann, der Wick nun ist, und dem, den er versucht, hinter sich zu lassen. Am Ende des Films steht dann die Rückkehr zu einer Frau, die plötzlich erkrankt ist, und Wick nicht nur hilflos zurücklässt, sondern dem Paar durch Wicks Killer-Comeback so nun auch auch kostbare gemeinsame Zeit fehlt. Wicks Widerstreben, seine Schuld gegenüber Santino zu begleichen, macht hier weniger Sinn, da Wick bereits zurück in jenen Gepflogenheiten ist, die er hinter sich gelassen hatte.

Die Motivation ist nicht dieselbe, weniger persönlich und emotional und daher irgendwie letztlich egal. Auch, da die Widersacher und anderen Charaktere etwas blass sind. Eine gewisse Note hatte in John Wick noch der Umstand, dass Wick selbst es einst war, der Nyqvists Gangsterboss an die Macht half. Er widerwillig legte der sich mit dem Killer an. Hier ist Santino ein umsympathischer Lakai, dessen stummer Bodyguad Ares zwar mit ihrer Zeichensprache ein nettes Feature hat, als Widersacher jedoch kaum Ernst zu nehmen ist. Auf Cassian trifft dies schon weniger zu und so sind es auch die zwei Kampfszenen zwischen ihm und Wick, die das Highlight des Filmes sind – primär, weil hier für Nahkampf mal auf Gun Kata verzichtet wird.

Insofern opfern Reeves und Stahelski in ihrer Fortsetzung etwas die narrative Note, um dafür die Action weiter aufzublasen. Kulminierend in einer Szene, in der Wick gleich ein halbes Dutzend Kollegen ausschalten muss, dabei stets demselben Rhythmus folgend: zwei Schüsse in Brust und/oder Beine, gefolgt vom finalen Kopfschuss. Das ist etwas eintönig, auch, da der Film mit zwei Stunden Laufzeit etwas überfrachtet wirkt. Da der Erfolg den Herren jedoch Recht gibt – auch John Wick: Chapter 2 spielte rund das Vierfache seiner Kosten ein –, folgt in Kürze der Abschluss dieser neu erdachten Trilogie. Dem Ende nach zu urteilen dürfte dieser jedoch den Gun-Kata-Regler weiter aufdrehen. Das Erfolgs-Moment muss eben (aus-)genutzt werden.

4.5/10